ANTIGONE im TD Berlin 29.+30. April

ANTIGONE

(eine Kammertragödie)

(schematische Zeichnung der Beziehungen und Vorgeschichte Antigones, wie sie im Verlauf der Einführung entsteht – hier während der Aufführung in einer Privatwohnung in Rom)

Regie/Konzept: Barletti/Waas;

Spiel: Lea Barletti und Werner Waas;

Sound Design Chor: Luca Canciello

Übersetzung: Friedrich Hölderlin (deutsch), Fabrizio Sinisi (italienisch)

Dauer: 90′

https://td.berlin/spielplan

Antigone als Minimaltheater

Was ist die kleinste mögliche Form, um das für uns lebensnotwendige Ritual des Theaters auch in Krisenzeiten wie diesen aufrecht zu erhalten? Wie schafft man es, in Zeiten von Lockdowns, social distancing und genereller Isolation, diese besondere Art von Gemeinschaft am Leben zu erhalten, die Erfahrung von sich selbst durch die Verschmelzung mit anderen erfährt? Aus dieser Fragestellung entstand diese Idee eines Minimaltheaters, das die Tragödie bei den Leuten zuhause oder in kleinen Nebenräumen als mögliche Bewußtseinszelle im Heute sucht und befragt.

Projektbeschreibung

Persönliche Freiheit und Staatsräson scheinen aktuell oft miteinander im Clinch zu liegen. Die Kategorien dessen, was notwendig und richtig ist, müssen täglich von jedem neu definiert werden. „Antigone“ behandelt Fragen, auf die man schwer eindeutige Antworten geben kann. „Antigone“ berührt innere und gemeinschaftliche Werte sowie Pflichten, die unaufschiebbar sind. Was soll man tun, wenn das innere Gefühl von Gerechtigkeit in Konflikt gerät mit der Staatsgewalt? Und was droht dem Staat, wenn sich Personen einfach so über dessen Gesetze hinwegsetzen? Und welche Rolle spielt dabei Mystifikation von Macht, Religion und Moral als Rechtfertigung für das eigene Tun? Seit Jahrtausenden wirft „Antigone“ Fragen auf. Vor allem in Krisenzeiten scheint es fast unvermeidlich, sich auf den Konflikt zwischen Kreon und Antigone, Antigone und Ismene, Kreon und Hämon zu besinnen: auf den Konflikt zwischen Macht und Verantwortung, Widerstand und Schuld, Mitleid und Hybris. „Antigone“ erzählt aber auch von einer Weltsicht, die sich nicht in der Gegenwart erschöpft: von Frauen und Männern, von Krieg und Versöhnung, von Vergangenheit und Zukunft, von Kommunikation und Unverständnis, von Sprache und Übersetzung, von Körper und Geist, von Leben und Tod. Es erzählt von der Notwendigkeit des Theaters. „Antigone“ ist das Theater, die gefährliche Kunst par excellence: gefährlich weil lebendig, weil sie im jetzt stattfindet und nicht gegeben ist, weil sie immer wieder alles riskiert in der Gegenüberstellung mit den Zuschauern. Das Theater als Ort, der sich zwischen Publikum und Schauspielern auftut, als Kunst, die Fragen stellt, auch wenn sie keine Antworten darauf weiß, als Kunst, die das Risiko des Zweifels auf sich nimmt und auch den Zuschauer damit konfrontiert.

Was wir hier zeigen ist eine besondere Version der „Antigone“ von Sophokles, weit entfernt vom Pomp und der Rhetorik eines „Staats-Theaters“: eine aufs Minimum reduzierte „Antigone“ mit nur zwei Interpreten, die sich alle Rollen teilen und mit den Rollen auch deren Verantwortung, Schuld und Schicksal. Eine „kleine bewegliche Form“ im Sinne Brechts. Eine Art „Kammertragödie“, konzipiert für Wohnungen, Hinter- und Nebenzimmer, Kellerräume, Innenhöfe und andere nicht theatrale Räume und für eine begrenzte Anzahl von Zuschauern. Man schaut sich sozusagen in die Augen, lernt sich kennen, ist füreinander präsent, was die politische Explosivität des Ausgangsmaterials noch verschärft. Es handelt sich also um eine sehr intime Version der Tragödie des Sophokles, wo die Konflikte zwischen den Figuren zu inneren Konflikten werden und die Zuschauer eingeladen sind, in den Köpfen der Protagonisten Platz zu nehmen und den Zerreißprozessen im Bewusstsein der Protagonisten von ganz nah, wie durch ein Vergrößerungsglas, beizuwohnen. In unserer „Antigone“ gibt es keine Figuren außer im Sinn von „Personae“ und es gibt auch keine Bösen und Guten, denn der Konflikt ist immer der des Menschen mit sich selbst, mit dem anderen Teil von sich und mit dem eigenen „Schatten“.

In einer etwa 20-minütigen Einführung wird außerdem der Kontext, die Vorgeschichte und die Beziehungen der Figuren untereinander auf sehr niedrigschwellige Art und Weise vorgestellt. Gleichzeitig geben wir so auch Zuschauern, die mit der antiken Tragödie keine Vertrautheit haben, einen einfachen und direkten Zugang zur Geschichte, die sie gleich sehen werden. Das gezeichnete Schema bleibt während der Vorstellung sichtbar und hilft so bei der Einordnung der Geschehnisse.

Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR und kofinanziert durch ein Crowdfunding über die Plattform Startnext


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